Unterbreche dein Hustlen

Wie wir unsere innere Stimme wiederfinden

Ein Artikel von Larissa Hofer, Change Agentin und Freigeist

Zum ersten Mal seit es Menschen, Völker und Religionen gibt, durchleben wir alle gemeinsam und fast zur selben Zeit ein Trauma. Dieses globale Trauma gibt uns nicht nur das Momentum den Lebensstil der Allgemeinheit zu hinterfragen, sondern auch den jedes Einzelnen. COVID-19 hat zu einem unfreiwilligen Innehalten vieler Individuen beigetragen und auf sozialen Medien wie LinkedIn wird die Forderung nach einer reflektierteren und nachhaltigeren Welt in der Post-Corona Phase laut. Denn nicht nur die Natur hat durch die Abwesenheit des Trubels die Ruhe gefunden durchzuatmen, wie man beispielsweise an der Rückkehr der natürlichen Wasserfauna in Venedig sieht. Mit etwas Abstand zum Alltag haben auch wir Menschen die Möglichkeit, uns auf unsere innere Stimme zurückzubesinnen. Wenn die ständige Beschallung von außen aufhört, können wir endlich wieder unserem Unterbewusstsein lauschen:

,,Wie fühle ich mich eigentlich gerade im Home Office?“

,,Wie ernähre ich mich, wenn ich Zeit zum Kochen habe?“

,,Warum komme ich immer noch nicht zu meiner Daily Meditation Routine?“

,,Warum genau versendet mein Unternehmen eigentlich mehr PowerPoint Präsentationen als die Post Briefe?“

,,Redete mein Partner immer schon so laut am Telefon?“

Zugegeben, durch die aktuellen Umstände, die uns bewusst oder unbewusst beeinflussen, fühlt sich vielleicht keiner von uns großartig. Die Quarantäne hat nicht jedem den Freiraum gegeben, den er/sie gebraucht hätte, um in Ruhe zu reflektieren. Woher sollen wir, in Isolation der täglich ansteigenden Fallzahlen und Nachrichten über den drohenden wirtschaftlichen Verfall, überhaupt noch wissen wie wir uns fühlen? Dabei ist die Antwort auf diese Frage wichtiger denn je. Denn vielleicht besteht ja die Hoffnung, dass Corona ein Wake-Up Call für uns alle sein kann, durch den wir endlich dazu kommen unseren Alltag, unsere Beziehungen, unseren Beruf und unseren persönlichen Purpose zu reflektieren.

Keep hustling

Zumindest war es das für mich. Ich wurde durch den Verlust meines Arbeitsplatzes, aufgrund von Corona, unfreiwillig auf eine kleine persönliche Entwicklungsreise geschickt. Am Ende dieser Reise bin ich noch lange nicht angekommen – aber wer ist das schon je?

Dieser Artikel nimmt euch ein Stück auf diese Reise mit, während der ich alle Beschallungskanäle ausblendete, um in Ruhe die innere Stimme meines Unterbewusstseins zu reaktivieren. Ich glaube fest daran, dass Frauen eine starke innere Stimme und Intuition haben. Hier eine kleine Geschichte davon, wie die Weisheiten echter Powerfrauen mich aufgerüttelt haben, bis ich still genug wurde meine innere Stimme zu hören.

Wenn das Unterbewusstsein an die Tür klopft

Als ich zu Beginn der Krise von meinem Arbeitgeber zuerst ,,nur“ auf 100% Kurzarbeit gesetzt wurde, verkraftete ich den Schock erstaunlich schnell. Die letzten Monate waren beruflich wie auch privat anstrengend gewesen und ohne, dass ich es mir offen eingestehen wollte, war ich dankbar für ein bisschen mehr Zeit und Ruhe für mich selbst. Ruhe war für mich während meiner anstrengenden Einarbeitungszeit und täglich 3 Stunden Pendelzeit ein wertvolles Gut geworden. Meine anerzogene Arbeitsmoral von 120% hustling forderte bereits wenige Monate in meinem neuen Job seinen Tribut. Ich unterdrückte das merkwürdige Gefühl der Erleichterung nach Einführung der Kurzarbeit und schrieb, wenige Tage nach der Ankündigung, folgende motivierenden Sätze in mein Journal: ,,Make Corona your professional opportunity!“ Darunter listete ich sinnvolle Dinge auf, denen ich nachgehen sollte, um mich in der neu gewonnen freien Zeit weiterzubilden.
Bloß nicht den Anschluss verlieren. Keep hustling.

Die einzigen Momente der Ruhe, die ich mir zwischen meinem eigens zusammengestellten Weiterbildungsplan erlaubte, waren die Spaziergänge mit meinem Hund, während ich Brené Browns Podcast ,,Unlocking Us“ hörte. Brené Brown ist eine amerikanische Professorin und Forscherin der Houston University, die gesellschaftliche Tabuthemen, wie Scham und Verletzlichkeit, der breiten Masse zugänglich macht. Sie ist, seit ihrem ersten TEDTalk über die große Stärke in Verwundbarkeit, meine persönliche Heldin. In ihrem Podcast führt sie wichtige Gespräche mit inspirierenden Persönlichkeiten über emotionale Intelligenz und den Mut authentisch sein wahres Ich zu sein.

Kurz nachdem mich dann die Nachricht meiner endgültigen Kündigung erreichte, traf mich ein besonderer Podcast von ,,Unlocking Us“ mitten ins Herz. In dieser Folge stellte Autorin und Aktivistin Glennon Doyle ihr neues Buch UNTAMED vor. Sie erzählte mit feuriger Leidenschaft von gesellschaftlichen Käfigen, in die uns das System zwingt und in denen wir nie unser volles Potenzial ausleben können. Glennon beschreibt, wie es oft Frauen sind, die ihre innere Stimme und inneren Kompass verlieren, um dem Glück Anderer Vorrang zu gewähren. Immerhin sei eines der größten Komplimente an eine Mutter das Hervorbringen ,,selbstloser Liebe“, schreibt sie. Was nichts anderes bedeutet, als dass der Verlust des Selbst die größte Errungenschaft einer Mutter ist. Frauen verbiegen und verlieren sich in dem Versuch in vorgefertigte Rollenbilder zu passen, weil sie gesellschaftlich konformes Denken von ihrem eigentlichen Potenzial und den großen Träumen abhält. Bei Glennon Doyle war es die geheime Liebe zu einer Frau, die sie schlussendlich dazu zwang in einsamer Ruhe ihr Leben zu reflektieren und der Frage ihrer inneren Stimme Gehör zu schenken:
,,Sind wir glücklich?“

Ich bin nicht seit gestern Feministin und mit einer Mutter, die ihre steile Karriere zu jeder Zeit mit einer Familie jonglierte, sicherlich kein Neuling auf dem Gebiet der Emanzipation. Nichtsdestotrotz trafen mich Glennons Formulierungen ins Mark. Vor allem die folgenden Sätze warfen mich in eine schmerzhafte Selbstreflektion:

We forgot how to know, when we learned how to please. Who were you before the world told you who to be?

Ja, wer war ich eigentlich bevor Keep hustling mein Mantra geworden war und was würde ich heute tun, wenn niemand jemals eine Erwartung an mich und meinen Käfig gehabt hätte? Was mache ich wirklich, weil ich es liebe und was tue ich nur, um anderen gerecht zu werden? Rückblickend weiß ich, dass es nicht der berufliche Rückschlag war, der mich am abrupten Ende meines Arbeitsverhältnisses am meisten traf. Es war die Feststellung, dass ich mich nicht mehr in Büchern und Kursen vergraben konnte. Somit hatte ich das Ziel und den Purpose für mein ewiges Hustling verloren. Ich fürchtete die Tatsache nun mit mir alleine zu sein. Alleine mit meinen Gedanken und alleine mit meinem Unterbewusstsein, das genau wie bei Glennon schon eine Weile an der Tür meines Bewusstseins anklopfte, mit der Frage: ,,Sind wir glücklich?“

Instinkt und Wellbeing

Mir wurde bewusst, dass ich mich zum Doktor der Chemie weiterbilden konnte, ohne jemals das zu finden, wofür ich brenne. Also verbannte ich alle Bücher und Kurse, die allein etwas mit akademischer Weiterbildung zu tun hatten und entschloss mich stattdessen allein auf meine persönliche Entwicklung zu fokussieren. Mit dem Vorsatz Ordnung in meinem Leben zu schaffen, fiel mir ein altes Zeugnis aus der 6. Klasse in die Hände. Es beschrieb ein Mädchen gesegnet mit einem starken Willen, einer lauten Meinung und einem unbändigen Engagement für Dinge, die sie begeisterten. Ich realisierte, dass diese Bewertung nicht mein aktuelles Benehmen widerspiegelte. In der Berufswelt fiel es mir oft schwer ohne jahrzehntelange Berufserfahrung meine Meinung zu verteidigen und durchzusetzen. Ich beneidete dieses 12-jährige energische Mädchen, das ohne Rücksicht auf Verluste zu dem stand, was für sie richtig klang. Schließlich hat man auch mit 12 keine Lebenserfahrung. Aber man hat noch diese innere Stimme. Dieses gesellschaftlich nonkonforme Denken, das sich rein auf Instinkt beruft.

Instinkt? Wann war der eigentlich auf der Strecke geblieben? Die Antwort auf diese Frage fiel mir sofort ein: Als ich aus der freigeistlichen Universität in das desillusionierte Berufsleben trat und mich mit Menschen umgeben musste, die Werte und Ansichten hatten, die ich nicht mit meiner instinktiven Erziehung vereinbaren konnte.
Also passte ich mich an und hustelte. Ich arbeitete in jedem Praktikum und in jedem Studentenjob overtime, um allen zu beweisen ,,Ich bin einer von euch“. Ich hörte auf zu singen, zu malen, Sport zu machen, zu schreiben und mit allen anderen Hobbys, die mich lange genug zu Atem kommen ließen, um meine innere Stimme zu hören. Ich bemerkte in der Beschallung nicht, dass ich mich innerlich wand wie ein Fisch.

In einem dieser Praktika begegnete ich Social Entrepreneurship und sozialer Innovation. Damals wurde ich großer Fan von Joana Breidenbach, Gründerin von betterplace, der größten deutschen Spendenplattform. Ich unterstütze ihren Ansatz ,,New Work needs Inner Work“, der jedem Mitarbeitenden die Chance gibt als ganzer Mensch am Arbeitsplatz zu erscheinen und Aufgabengebiete mit einem Fokus nach Stärken und Talenten zu verteilen. Sie erklärt in ihren Artikel ,,Addressing the Critiques of Well-Being“ wieso gerade heute persönliches Wohlbefinden und Selbstversorgung kein Luxus mehr ist. Sie betont, wie wichtig es ist sich als unperfekt zu akzeptieren, Schwächen zu zeigen und auf sich und seinen Körper zu hören, damit man am Ende noch effektiver arbeiten kann. Nach dem Artikel fühlte ich mich bestätigt, dass es an der Zeit war, mich meiner persönlichen Entwicklung zu widmen, um meinen individuellen Weg zu finden. Ich suchte weiter außerhalb meiner Komfortzone nach Artikeln, Feedback und Ratschlägen, um zu verstehen, wer ich gewesen war und wer ich in Abwesenheit aller gesellschaftlicher Zwänge sein könnte. Ich schrieb fleißig schlaue Zitate von Powerfrauen auf Post-Ist und tapezierte mein Zimmer damit.

Ruhe

Nachdem UNTAMED meine Bibel geworden war, war ich untröstlich zum Ende des Buches gekommen zu sein, ohne die eine Erkenntnis, die mir meinen Weg eindeutig zeigte. Aus einem weiteren ,,Unlocking Us“-Podcast, hatte ich einen Einblick in die neue Autobiografie ,,More Myself“ meiner Langzeit-Ikone Alicia Keys bekommen und entschied auch ihren Weisheiten eine Chance zu geben. Auf Audible begleitete mich ihre rauchige Stimme auf Spaziergängen und sang mir acapella zu den Kapiteln ihres Lebens ins Ohr. Gegen Ende des Buches erzählt sie von der Feststellung bei jeder Herausforderung und bei jeder Schwierigkeit hilfesuchend nach außen zu blicken. Genau wie Glennon Doyle Google gefragt hatte, wie sie sich am besten von einem Mann scheiden lassen sollte, der zwar ein schlechter Ehemann, aber ein guter Vater sei, hörte auch Alicia jahrelang auf die Weisheiten und das Feedback anderer.

Bis alles nur noch ein Rauschen wurde. Da gab ihr Oprah Winfrey einen wertvollen Rat: ,,Du suchst nach Antworten zu Fragen, die nur du haben kannst. Niemand ist je deinen Weg gegangen – wie sollen sie wissen wie es ist, in deinen Schuhen zu stecken?“ Während Glennon Doyle sich jeden Tag 20 Minuten in ihrem dunklen Kleiderschrank versteckte, um ihre innere Stimme zu finden, fand Alicia sie in täglicher Meditation. Sie lösten sich beide von der Illusion ihr inneres Unwohlsein durch den Rat anderer schneller beseitigen zu können. Stattdessen sahen sie ein, dass am Ende eines jeden turbulenten Tages noch Zeit für die Ruhe bleiben muss, um in sich hineinhören zu können – egal, wie unbequem die Worte des Unterbewusstseins auch sein mögen. Denn nur im Einklang mit unseren inneren Wünschen und Sehnsüchten, können wir wirklich unser einzigartiges und authentisches Selbst sein. Heute leben die beiden Frauen ein Leben, dass nicht in die für sie vorgesehenen Rollen im System passt. Glennon und Alicia verbannten alle gesellschaftlichen Werte und Normen, die Gefahr liefen ihr inneres Licht zu dimmen.

Ich beschloss es war an der Zeit, dasselbe zu tun. Da ich allein von dem Gedanken im Schrank in der Dunkelheit zu sitzen einen klaustrophobischen Anfall bekomme und von Meditationsübungen regelmäßig einschlafe, musste ich meinen eigenen Weg finden zur Ruhe zu kommen. Ich wollte der Stimme im Inneren Gehör schenken und die Stille um Corona dazu nutzen alle Betäubungskanäle auszuschalten. Ich wollte einen Weg finden diese innere Stimme wiederzufinden und sie einzusetzen, wann immer ich an einem Scheideweg angekommen war. Natürlich begleiteten mich Menschen immer noch kontinuierlich auf meinem Weg und ich lief nicht vollends unberührt von den Ratschlägen anderer durchs Leben. Aber es ging um diesen einen Moment, wenn ich nach allen gehörten Meinungen wieder alleine bin und ich mich entscheiden muss, ob ich den Brief, die Email oder das Jobangebot beantworte. Ich wollte zu einem Gemütszustand kommen, mit dem ich diese Entscheidung nicht nur treffen konnte, sondern danach genauso rigoros hinter meiner Meinung stand wie das 12-jährige Mädchen. Weil ich tief in meinem Inneren schlussendlich weiß, was das Richtige für mich ist.

Finde dein Go-To

Ich wünschte, ich könnte, wie die drei Powerfrauen, eine allwissende Antwort auf die Frage geben, wie man seine innere Stimme (wieder)findet. Ich fand meine eigene Art der Ruhe in Hobbys wieder, die ich schon lange aus Effizienzgründen niedergelegt hatte. Als ich auf meine eigene Art und Weise still wurde hörte ich, wie meine innere Stimme mir versuchte zu sagen, dass ich am allermeisten ich selbst bin, wenn ich mich nicht zwischen Dingen entscheiden muss, die mir Spaß machen. Die Stimme erklärte mir, dass ich meinen Purpose nur wiederfinde, wenn ich nie wieder versuche in eine vorgefertigte Stellenbeschreibung zu passen. Stattdessen nehme ich alle meine Talente und Stärken dankbar an und versuche aus der individuellen Kombination dieser meine berufliche Bestimmung zu finden. Ich begann zu verstehen, wer ich war, bevor mir die Gesellschaft befahl mich zu spezialisieren, mich zu entscheiden, um in einen Käfig zu passen, der schon in vorgefertigter Manier auf mich wartete.

Mein Go-To ist eine flexible Arbeitsform geworden, in der ich mich einer Vielzahl verschiedener Projekte, Initiativen und Organisationen widmen kann, die meine individuellen Werte teilen. In der ich immer genug Zeit und Raum habe mich selbst nach meinem Wohlbefinden zu fragen, bevor ich wieder zu 100% hustling zurückkehre. In dem ich meine kreative Freiheit leben kann und auf radikal authentische Art und Weise meine eigene Wahrheit leben kann. Ohne mich jemals dafür zu entschuldigen, dass ich die Erwartungen anderer an mein Leben nicht erfüllen kann.

Was auch immer euer Go-To ist, ich wünsche euch, dass ihr die Ruhe während dieser Krise findet, um in diesen unangenehmen Teil des Unterbewusstseins zu gelangen, der fragt: ,,Sind wir glücklich?“

Website Larissa Hofer